Nachruf von Hans Fallada

auf Erich Ohser

falada_160

Porträtkarikatur Hans Fallada [Zeichnung Erich Ohser 1943]

„… Dieser ist ein Mann, den die Welt kennt, es ist der Zeichner E.O.Plauen, mit seinem bürgerlichen Namen Ohser geheissen, stammend aber aus der sächsischen Stadt Plauen, wo so viele Webstühle stehen. Ein Mann wie ein Kind, ein Elefant, der Seiltanzen konnte, vielleicht am berühmtesten geworden durch seine bissigen Karikaturen in der Wochenschrift Das Reich, unvergesslich aber allen Kinder- und Elternherzen durch seine Bildergeschichten vom Vater und Sohn … (Wenn man von Plauen schreibt, kommt einem immer wieder das Wort ,Lachen‘ in die Feder, Lachen war sein Element, lachen war ihm wie atmen, … Ein herrlicher Mann, meist wie ein Kind, noch im Besitz aller Paradiese des Kindes.) … Ich fragte ihn, wie er, mit dem gleichen Hass wie ich auf die Nazis beseelt, mit der gleichen felsenfesten Überzeugung, dass dieser Krieg von ihnen nie gewonnen werden könne, weil eine schlechte Sache am Ende eben doch nicht siegen kann, ich frag ihn, wie er es über sich bringen könne, jede Woche politische Karikaturen in dem Blatt des Dr. Göbbels zu bringen. Er lächelte, er sagte: ,Aber sie sind nun einmal jetzt unsere Gegner, die Churchill, die Roosevelt, die Stalin – es ist nicht unanständig, gegen unsere Gegner zu kämpfen. Ich tue nichts anderes, als was sie gegen uns tun. Aber eines tue ich nicht: ich zeichne nie eine antisemitische Karikatur, diese Schweinereien mache ich nicht mit.‘ …

Heute liegt das alles längst in Schutt und Asche, das Haus an der Budapesterstrasse ist nur noch ein Trümmerhaufen,… Dahin auch die unendliche Reihe von Skizzenbüchern, die dieser unermüdlich fleissige Arbeiter mit weiblichen Akten füllte. Seine politischen Karikaturen machten ihm wenig Beschwerden. Er erledigte sie alle ordentlich wie Schularbeiten. Er plagte sich vorher nicht um Einfälle. An einem Tag überflog er die Zeitungen, auf der Suche nach Ideen, am nächsten Tage führte er sie aus, meist fünf oder sieben gar. Man musste diese Karikaturen einmal gesehen haben, sorgfältig mit der Feder gezeichnet, oft auch noch mit Farben grundiert – der Zeitungsdruck gibt nur etwas Armseliges von dem, was sie waren. Aber das nur nebenbei. … Ansonsten war er fast taub. Man musste ziemlich laut sprechen, um sich ihm verständlich zu machen, und auch er sprach oft sehr laut: wie viele Taube hatte er kein Gefühl für die Tonstärke seines Sprechens. Das war nicht ungefährlich bei der Art unserer Unterhaltung. Kein Spitzel hätte hinter der Tür sitzen dürfen. Plauen war randvoll mit Witzen und Spässchen über das n. Regime, eigenen und fremden. Er streute sie aus, wie sie ihm gerade kamen, völlig unbekümmert, am meisten selbst von der Güte seiner Witze begeistert. Er lachte dröhnend. Und schon fiel ihm ein neuer ein. Er rannte im Atelier hin und her, dieser Elefant war leise und wach wie eine Katze in seinen Bewegungen. Überhaupt hatte dieser fröhliche lachende Mensch etwas Leises, Umschattetes, Trauer aus einem tiefsten Grunde …“

aus: Trinkermanuskript, 1944